Familienaufstellen nach B. Hellinger
In der Schicksalsgemeinschaft der Familie wirken tiefe, seelische Bindungen, die mehrere Generationen zurückreichen können und unser persönliches Schicksal, meist unbewusst, stärken oder schwächen.
Wenn Menschen negative Erfahrungen nicht bewältigen können, entstehen psychische Probleme und seelische Konflikte. Solche Überforderungen und "Traumatisierungen" werden insbesondere durch dramatische Ereignisse (z.B. schwere Erkrankungen, plötzliche Todesfälle) oder lang andauernde soziale Stresssituationen hervorgerufen (z.B. sexueller Missbrauch, Alkoholismus der Eltern).
Traumatisierende Erfahrungen werden häufig unbewusst an das eigene Familiensystem weitergegeben. Manche Ereignisse in einem Familiensystem, wie z.B. früher Tod eines Elternteils oder eines Geschwisters, wirken lange nach. Belastende Erfahrungen der Eltern (z.B. Scheidungen) wirken auf die Kinder fort.
Jedes Kind ist in der Tiefe liebevoll mit seiner Familie Verbunden. Diese Bindung schützt nicht vor familiären Belastungen so dass die Kinder (und wir sind alle Kinder) die ungelösten Schwierigkeiten mittragen. So entstehen über mehrere Generationen hinweg unbewusste Wiederholungen von Ereignissen, die Leid und Unglück erzeugen. Die Beteiligten geraten dadurch in tiefe seelische Verstrickungen und können sich nur schwer aus solchen belastenden und zuweilen sogar verwirrenden Schicksalsverbindungen lösen. Schwere seelische Konflikte bis zu körperlichen Manifestationen (Krankheiten) sind die Folgen und münden in Verhaltensweisen, Gefühlen und Wertvorstellungen, die dem Familiensystem verdankt und durch herkömmliche Therapien, Körperarbeit und Meditation kaum aufzulösen sind.
Im systemischen Familienstellen werden Verstrickungen sofort sichtbar.
Es zeigen sich dabei die Grundmuster und Beziehungen aller relevanten Familienmitglieder. Die Dynamiken und die zugrundeliegenden Verstrickungen werden deutlich. Wichtig ist die Grundordnung im Familiensystem zu erreichen – jeder ist auf seinem richtigen Platz und erfährt die ihm zustehende Würdigung.
Mit der entsprechenden Grundhaltung – ich nehme und sehe alles wie es ist – ohne Wertung – ohne Moral – ich beobachte und lass es so wie es ist wirken. Durch absichtsloses „Schauen“ und „Hören“ im „wissenden Feld“ – das entsteht bei den Aufstellungen – zeigen sich die zu lösenden Verstrickungen und die passenden Worte für die Lösung.
Phänomenologische Sichtweise
Das Familienstellen nach Hellinger ist einer phänomenologischen Sicht verschrieben, also einer Sicht, die jenseits von subjektiven Absichten und Bestrebungen die grundlegenden Phänomene unseres Daseins berücksichtigt: werden diese grundlegenden Prinzipien missachtet, entstehen Leid und leidvolle Schicksale.
Die Phänomenologie hat eine philosophische Tradition, besonders die Namen Husserl und Heidegger sind mit ihr verbunden. Diskutiert wird dabei die Frage, wie es gelingen kann, subjektive Ansichten hinter sich zu lassen und Einsicht in die Phänomene oder Ordnungen unseres Daseins zu gewinnen: wissenschaftlich oder intuitiv, deduzierend oder beschreibend etc. In der philosophischen Debatte hat sich deutlich die Anschauung durchgesetzt, dass eine unmittelbare Einsicht ist die Prinzipien unseres Daseins nicht möglich ist.
Hellinger betont das Phänomen des primären liebevollen und abhängigen Bezuges des Kindes zu seiner Familie. Dieser Bezug ist jedem Menschen bekannt und jeder hat intuitiven Zugang zu ihm. Er ist vom notwendigen Geben und Nehmen bestimmt - des Kindes zu den Eltern und der Geschwister untereinander. Dieses Geben und Nehmen kann aus der Ordnung geraten, wenn etwa das Kind versorgende Aufgaben für die Eltern übernehmen muss etc. Im Familienstellen werden sogn. „Schieflagen“ sichtbar und können richtiggestellt werden.
Wissendes Feld
Jedem Menschen ist der primäre Familienbezug bekannt. So können in der Familienaufstellung Stellvertreter für die grundlegenden Bezüge auch einer anderen, ihnen unbekannten Familie intuitiv erfassen. Gegenstand der Intuition ist das gedanklich freie Spüren ohne subjektive Mutmaßungen. Es geht nur um das unmittelbare Empfinden zueinander. Das Erkennen geschieht nicht am Einzelnen, sondern entsteht mit den Bezügen in der Gruppe: das Feld weiß mehr als der Einzelne. Der Aufstellungsleiter greift dieses Feldwissen auf und macht es für alle sichtbar, überwindet also die vereinzelte Perspektive.
Schwere Schicksale
In Familienaufstellungen kommt es nicht auf die subjektiven Lebensgeschichten, sondern aber auf die grundlegenden Lebensvollzüge an. Diese sind durch die allgemeine familiäre Struktur, Kind von Eltern und später Geliebter oder Geliebte zu sein oder auch Eltern von Kindern oder Geschwister unter Geschwistern; jenseits dieser allgemeinen Strukturen können auch besondere Muster gelten, die durch schwere Schicksale im familiären System geformt werden, etwa früher Eltern- oder Kindstod, Ausgrenzungen oder Trennungen. schwere Krankheiten oder Kriegsschicksale.
Hinwendung
Das Erkennen der Ordnungen bringt uns in einen tiefen, bewegenden Kontakt mit dem menschlichen und ermöglicht uns schicksalhafte Ereignisse, Begrenzungen, Ordnungen und Bindungen anzunehmen.
Mit Familienaufstellungen kommen Verstrickungen ans Licht. Aus der Einsicht in die unbewusst vorhandenen seelischen Bindungen ergeben sich Lösungsmöglichkeiten aus solchen Verstrickungen, zum Beispiel durch die vollzogene Hinwendung zu einer ausgegrenzten Person mit Liebe und Achtung. Die Würdigung vorangegangener Schicksale wird als spürbare Entlastung erlebt. Eine neue Ordnung entsteht, die stärkend wirkt, und der Mensch wird frei für seinen Weg.
Durch das Miterleben und die Stellvertretung in fremden Familienbildern findet ein ständiger Erfahrungs-/Lernprozess statt, bei dem sich zusätzlich neue Perspektiven für die eigenen Beziehungszusammenhänge eröffnen.
